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Bericht Programmbeirat der ARTE Deutschland TV GmbH

Bericht Programmbeirat der ARTE Deutschland TV GmbH

Bericht an den Rundfunkbeirat des Bayerischen Rundfunks am 21.6.2012 über den Programmbeirat der ARTE Deutschland TV GmbH

 

Von Robert Stauffer

 

Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren,

der Rundfunkrat des Bayerischen hat mich im Juli 2000 als Vertreter des Bayerischen Rundfunks zum Programmbeirat ARTE Deutschland gewählt, und dann immer wieder für die dreijährigen Mandatperioden bestätigt. Heute sind es nun schon 12 Jahre und dies ist mehr als die Hälfte, seitdem ARTE als deutsch-französischer Kulturfernsehsender existiert, ARTE ist 20 Jahre alt geworden!

Vorab muss ich Ihnen, soweit nicht schon bekannt, mitteilen, dass der Geschäftführer von ARTE-Deutschland, Herr Dr. Klaus Wenger, wenige Woche vor seinem Ruhestand, am 10. Mai in Strasbourg nach schwerer Krankheit gestorben ist. Er hat 17 Jahre lang für diesen Sender gearbeitet und vorallem durch ihn ist er zum bedeutendsten Fernseh-Kulturkanal der Welt geworden. Mit ihm ist eine Persönlichkeit gestorben, die weit mehr kreiert und erfunden hat, als man dies sonst von einem Geschäftsführer erwarten kann und bekommt. In der Todesanzeige haben die  führenden Mitarbeiter von ARTE, darunter auch Prof. Jochen Kölsch, ARTE-Programmbeauftragter des BR, der heute anwesend ist, formuliert: „Dr. Klaus Wenger – 1947 – 2012 -Ein Leben für ARTE und Europa / et pour l’amitié franco-allemande“. Das ist keineswegs pathetisch und liesse sich vermutlich von keinem Intendanten der ARD sagen. Der aus Tübingen stammende Klaus Wenger studierte Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaft, u. a. auch in München und Paris, war Lehrbeauftragter an der École Nationale d’Administration in Paris und kam dann als leitender Redakteur zum damaligen Südwestfunk. Kurz nach der Gründung von ARTE 1991 übernahm er dort die Leitung der Redaktion Dokumentationen und Dokumentarfilm, im Jahre 1995 wurde er hauptamtlicher Geschäftsführer von ARTE Deutschland und ARTE-Koordinator der ARD.

Herr Peter Latzel wurde im vergangenen März von der Gesellschafterversammlung von ARTE Deutschland, zu Wengers Nachfolger bestellt, der künftig mit gemeinsam mit Wolfgang Bergmann vom ZDF die Geschäfte der ARTE-Deutschland TV GmbH  führt.

Gestatten Sie mir eine Reminiszenz: Der politische Urgrund von ARTE hängt elementar mit Helmut Kohl und Francois Mitterand zusammen, als sie im Spätherbst 1988 das Konzept eines „Europäischen Kulturkanals“, eines Gemeinschaftsunternehmens von ARD, ZDF und ARTE FRANCE auf den Weg brachten. Die ersten Sendungen des deutsch-französischen Fernsehprogramms ARTE wurden am 30. Mai 1992, also vor 20 Jahren, ausgestrahlt. 

(Nicht mündlich vorgetragen) Von der ARD werden von den 10 Sendeanstalten für den Programmbeirat ARTE Deutschland je 1 Rundfunkratsmitglied entsandt, für das ZDF sind es ebenfalls 8 Mitglieder, wobei es vielleicht nicht uninteressant ist, dass die von den ARD-Rundfunkratsgremien Entsandten ausschliesslich Vertreter des kulturellen Lebens der Bundesrepublik Deutschland sind, während der Fernsehrat des ZDF Programmbei­ratsmitglieder benennt, die diesem Gremium nicht unbedingt angehören müssen und in der gegenwärtigen Konstellation u. a. 3 Delegierte bestellt haben, die politische resp. staatliche Amtsträger sind: drei Staatssekretäre a. D. und 1 Staatsrat a. D., insgesamt 7 Damen und 11 Herren. 

Meinen letzten Bericht gab ich Ihnen vor 1 Jahr. Von den 4 seither stattgefundenen Sitzungen des Programmbeirates, möchte ich Ihnen heute explizit über zwei Sitzungen vom 28. Juni 2011 und vom 27. März 2012, jeweils in Strasbourg, berichten, weil das Thema ganz generell für die „fliesenden Medien“ typisch und aktuell ist und auch uns im Bayerischen Rundfunk sehr beschäftigt und umtreibt…  

(Nicht mündlich vorgetragen) Die neue Präsidentin von ARTE G.E.I.E., Frau Véroni­que Cayla stellte sich uns vor, die damals vor 3 Monaten auch das Amt der Präsidentin von ARTE France übernommen hatte. Der Wechsel in der Präsidentschaft vom Deutschen Dr. Gottfried Langenstein zu ihr, soll einem turnusgemäßen Modus entsprechen. Im Vordergrund standen im Berichtsraum – aber bei ARTE ist das immer so – ein neues Programmschema, welches seit 1. Januar 2012 gilt und das ich hier nun nicht spezifiziert erläutere, sondern auf die Tischvorlage, die Institutionelle Broschüre und den kleinen ARTE-Flyer verweise.

Das Ende des Distributionsmonopols von ARD, ihrer Landesrundfunkanstalten und ZDF, aber auch von ARTE, BR-ALPHA, 3SAT und PHOENIX, die neuen Ausspielwege durch die digitale Netzwelt,  hat seit der Zulassung kommerziell-privater Anbieter, vor allem durch technische Erfindungen, eine neue Perspektive und Dimension erhalten. Die Ausweitung auf die neuen Verbreitungswege spielt – auch bei ARTE – eine wichtige Rolle: ARTE-homepage, ARTE + 7, Web-Dokus, ARTE Live Web und ARTE Creative. (Auf Youtube und BailyMotion sowie über ADSL, kann ARTE+7 aus rechtlichen Gründen zurzeit nur in Frankreich angeboten werden.) Als nächstes ist geplant, auch für Facebook und Twitter eigene Inhalte zu entwickeln, damit auch dort ein konkreter Mehrwert geschaffen werden könne. Mehrere Mitglieder des Programmbeirates halten diese Angebote für mobile Endgeräte und für Jüngere, als für Spezialisten geeignet und zugleich auch etwas symptomatisch für die Gesamtsituation des Senders. Seitens der Geschäftsführung wurden wir unterrichtet, dass der Sender durch seinen Sitz in Strasbourg über einen größeren Spielraum bei den Internetaktivitäten verfügt und durch die Überprüfung einer juristischen Kommission sichergestellt wurde, dass sich alles im Rahmen der Legalität befindet. Bei großen Risiken wie beispielsweise Verhandlungen mit den Majors, verhalte sich ARTE eher zurückhaltend. Die Frage, ob ARTE zu viel unternehme, beantwortete damals der Geschäftsführer Dr. Wenger mit einem klaren „Nein“, denn wenn ARTE diese zusätzlichen Flächen und Verbreitungsmöglichkeiten nicht nutze, würde das Unternehmen sehr schnell in der Unsichtbarkeit verschwinden. Am Beispiel der Gustav Mahler-Woche in ARTE wurde damals schon sehr deutlich, wie sehr sich das Verhalten der Zuschauer und Internetnutzer geändert hat. Der Erfolg der Konzertübertragungen habe fast ausschließlich im Netz stattgefunden, nicht nur bei den Live-Übertragungen sondern auch noch Tage und Wochen danach. Medienpolitisch, was den Staat anbelangt, ist wichtig zu wissen, dass es in Frankreich zudem Auflagen gibt, verbunden mit der medienpolitischen Erwartung, genau in diesem Segment zu investieren. ARTE gilt in Deutschland als Pionier in diesem Bereich, besonders in technischer und inhaltlicher Hinsicht. Ein „Geotagging-App“ wird schon geplant und die Verbindung und spielerische Nutzung von zwei Bildschirmen – Broadcast und Online – soll der nächste Schritt sein. Die Zuordnung der Hauptabteilung „Neue Medien“, der crossmediale Programm-Ansatz, ist der ARTE-Programmdirektion, Herrn Dr. Christoph Hauser, zugeordnet. Die Explosion der Verbreitungsmöglichkeiten wird ARTE einen Zuwachs von 1% Marktanteil in Deutschland und 2 % Marktanteil in Frankreich bringen.

In den vergangenen Jahren verlor das lineare Fernsehen die Hoheit über die Distribution der bewegten Bilder beim konventionellen Endgerät, dem Fernsehgerät, denn seit der Entwicklung von Smart- oder Hybrid-TV-Geräten (HbbTV ist ein europäischer Standart geworden) sind digitale Techniken entstanden, die neben dem Fernsehsignal auch das Internetsignal empfangen und abspielen können. Das klassisch-traditionelle Fernsehen ist zu einem Service unter vielen geworden. Die frühere Einheit von Medium, Gerät und Inhalt, gibt es nicht mehr: Inhalte in Form bewegter Bilder empfängt man heute sowohl über das Fernsehsignal, als auch über das Internet, und zwar auf dem Fernsehgerät, dem Smartphone und dem Tablet. Das Wichtigste wird in Zukunft, auch für ARTE, die Auffindbarkeit der Inhalte sein und dies in ihrer neuen ARTE-Galaxis.

 Der  Tagesmarktanteil von ARTE liegt in Deutschland aktuell bei 0,8 %. Am Tag werden 0,7 % MA erreicht, in der Primetime 1,1 %, während in Frankreich eine leichte Steigerung des Marktanteils von 1,5 & auf 1.7 % erreicht wurde.

50% liefern die ARD-Landesrundfunkanstalten für das Programm von ARTE, der Bayerische Rundfunk 14,50 %, der WDR 22,00 %, der Südwestrundfunk und der Norddeutsche Rundfunk je 16,75% resp. 16,25 %, um hier nur die potentesten Zulieferer anzuführen.

Nach meinem zugegebenermaßen nicht erschöpfenden Bericht vom ARTE-Programmbeirat, wird Sie Herr Prof. Jochen Kölsch, Beauftragter des BR-Fernsehens für Internationale Verbindungen und insbesondere für ARTE, über die Verflechtungen und Verbindungen zwischen dem BFS und ARTE unterrichten.

 

Robert Staufferist Schriftsteller, Hörspielautor, Kulturjournalist und Übersetzer, PEN-Mitglied, von 1991 bis 2005 Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in Bayern, seither dessen Ehrenvorsitzender. Er ist Mitglied im BR-Rundfunkrat, ARD-Programmbeirat und Programmbeirat von ARTE Deutschland.