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Interview Dieter Lattmann

Interview Dieter Lattmann

Portraitfoto Dieter Lattmann (Schriftsteller, langjähriger VS-Vorsitzender) Birgit Pfeiffer Dieter Lattmann  – Dieter Lattmann (Schriftsteller, langjähriger VS-Vorsitzender)

Birgit Pfeiffer im Gespräch mit Dieter Lattmann

"Literatur wird nie aufhören, in der Kritik des Vorhandenen die Vision einer idealen Gesellschaft zu beschreiben", sagt Dieter Lattmann, für den schriftstellerische und politische Arbeit unmittelbar zusammen gehören.

Dieter Lattmann wurde 1926 in Potsdam geboren und lebt seit 1960 als freier Schriftsteller in München.Wann haben Sie den Wunsch oder die Berufung verspürt, Schriftsteller zu werden?Berufung ist für mich ein zu großes Wort. Seitdem ich mich als eigenständiges Wesen entwickelte, habe ich immer geschrieben. Mit dreizehn Jahren fing ich an und habe nie wieder aufgehört. Es ist ein großer Wunsch, meine Welterfahrung schreibend auszudrücken - mit der damals auch in der Pubertät schon heimlich vorhandenen Hoffnung, es würde einmal weiterzugeben sein und es würden sich auch andere Leute finden, die das lesen würden, und das hat sich ja teilweise erfüllt.

Welche Herausforderungen bietet der Journalismus und die schriftstellerische Tätigkeit in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation? 

Die intensivste Herausforderung scheint mir zu sein, dass in einer polyglotten Welt der sprachlichen Verworrenheit, wo lauter Wörter um die Ecke laufen, die ihre Bedeutungen verloren haben, verantwortungsvolle Wortarbeiter, Publizisten, Journalisten, Wortautoren jeder Art die Aufgabe haben, die Sprache genau zu nehmen und die nachdenklichen Menschen daran zu erinnern, was die Worte eigentlich bedeuten. Denn wir leben in einer wahren Euphorie des polyglotten Gestammels und der Begrifflosigkeit. Sie haben sich selbst als eine politische und soziale Mehrzweckfigur bezeichnet. Ist die jüngere Generation der Journalisten und Schriftsteller Ihrer Meinung nach gleichgültiger geworden?

Zunächst etwas Positives über diese jüngere Generation der schreibenden Bürger und Bürgerinnen der Republik. Die jungen Journalisten und Schriftsteller sind besser ausgebildet, sie haben meistens einen trainierteren Verstand, sie reflektieren während sie schreiben sehr stark die vorangegangene Literatur. Auf der anderen Seite haben sie eines nicht, was nach meiner Überzeugung zu den Autoren meiner Generation und auch der früheren Generation gehörte: eine soziale Geduld und eine wirkliche Liebe zu den Menschen und Dingen, die man beschreibt. Ich habe das Gefühl, dass die heutige Literatur sehr selbstsicher, aber auch sehr egozentrisch und sehr genusssüchtig ist. Manches scheint mir, als wäre es mit Eistasten auf dem Computer geschrieben.Aber das ist der Unterschied in den Generationen. Mit etwa Ende dreißig habe ich versucht herauszufinden, was ich nicht bin, und ich denke, es ist für jeden Menschen sehr wichtig - wenn man aus einer Fülle von Hoffnungen und vielleicht auch Fähigkeiten lebt - zu erkennen, wo die eigenen Grenzen liegen.

Als ich Autorinnen und Schriftstellerinnen meiner Generation, die bedeutend begabter als ich waren, nah kennen lernte, fielen mir meine sozialen Möglichkeiten ein. 1962, als mein erster Roman, mein zweites Buch in München herauskam, trat ich dem Schriftstellerverband bei, damals noch Schutzverband deutscher Autoren in Bayern. Es war sehr merkwürdig. Ich war noch nicht lange drinnen, da ging die Bundesvereinigung deutscher Schriftsteller den Bach runter. Sie war wie der Bundesverband der Industrie organisiert, aber es war eine einzige Machtlosigkeit.
Damals wollte niemand Sprecher oder Vorsitzender dieser Organisation werden. Da guckten die mir in die Augen und sagten: "Vielleicht können Sie´s." Mich traf das in einem Moment, wo ich mich genügend kannte und den Wunsch hatte, mich in der eigenen Berufsgruppe sozial zu engagieren.

Dann wurde ich zunächst, es klang bombastisch, Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Schriftstellerverbände. Ich besichtigte über ein Jahr lang die Ohnmacht, der ich präsidierte, und beschloss dann mit Freundinnen und Freunden wie Ingeborg Drewitz, Taddhäus Troll, Reinhard Baumgart, Martin Gregor-Dellin, später auch mit Günter Grass, Martin Walser und Heinrich Böll zu sagen: Diese Ohnmacht muss zerstört werden. Unser Stichwort war "Ein Schriftstellerverband ist stärker als dreizehn." Damals gab es elf Bundesländer, einen Übersetzer- und einen Dramatikerfachverband. Daraus entstand dann die "Einigkeit der Einzelgänger". Es war bei mir einfach, und das lag in der Familie, eine Doppelherausforderung:
Ich konnte schreiben; als Schriftsteller war ich, denke ich, ein Brotautor. Ich konnte meine Familie zu einem guten Teil davon ernähren, aber ich gehörte nicht zu den Autoren, die in die Weltliteratur-Geschichte eingehen oder auch nur in die deutsche Literaturgeschichte. Auf der anderen Seite hatte ich nicht wenige Vorfahren, die Berufspolitiker waren, Reichstagsabgeordnete, Bürgermeister, Senatoren, und von daher gab es so eine Sozialpflicht in mir. Die Aufgabe, mehr zu tun, als nur sich um sich selbst und das eigene Werk zu kümmern.

Wie gestaltete und entwickelte sich das Verhältnis zwischen dem Schriftstellerverband und den Gewerkschaften?

Wir hatten ganz verschiedene Bestrebungen. Auf der Gründungsversammlung in Köln im Juni 1969 - Heinrich Böll forderte hier das Ende der Bescheidenheit - warb Günter Grass für den Anschluss an die IG Druck und Papier. Anderthalb Jahre später kam die "Einigkeit der Einzelgänger", der Stuttgarter Schriftstellerkongress mit Willy Brandt als Redner, und die flammende Aufforderung von Martin Walser zur "IG Kultur!"

Manchen Schriftstellern war plötzlich alles nicht gut genug, auch die alten Gewerkschaften nicht. Sie meinten, am besten wir machen selber was. Die Gewerkschaft Kunst hat auch um uns geworben, die hatte ja verwandte Berufsgruppen. Im Jahr 1973 auf dem zweiten Schriftstellerkongress haben wir uns zunächst für die IG Druck und Papier entschieden. Über den Sprung Mediengewerkschaft ist der Verband deutscher Schriftsteller VS, parallel zu den Künstlern, Journalisten, den Bildenden Künstlern und anderen Künstlergruppen als eigene Fachgruppe nun in der Gewerkschaft "Verdi" gelandet. Wäre es nicht klüger gewesen, auf eigenständige Weise zusammen zu bleiben? Das ist in sofern schwierig, als sich in der Berufspolitik wie in der großen Politik die Dinge so rasch und entscheidend verändern, dass verschiedene Zeiten schon innerhalb von zwei Jahrzehnten verschiedene Antworten brauchen. Wenn ich heute die Situation sähe und wäre noch mal vierzig und stünde noch mal vor der gleichen Aufgabe, dann ich würde ich, entsprechend der heutigen Marktsituation eine "Pressure Group" der Künstler und Autoren, getragen von den blitzendsten Köpfen und Medienmagneten empfehlen - nicht unbedingt diesen Größtverband.

Bei uns und in der praktischen Gesetzgebung ging es um die drei Dinge: die zweifache Novellierung des Urheberrechtsgesetzes, die Änderung des Tarifrechts, Paragraph 12a, das Tarifrecht für die arbeitnehmerähnlichen freien Mitarbeitern von Massenmedien und kulturellen Einrichtungen und dann, als Hauptaufgabe die Künstlersozialversicherung. Die habe ich nun wirklich sieben Jahre durch den Bundestag getragen. 

Welche Aufgabe sehen Sie für Journalisten in der gegenwärtigen Situation?

Also die Journalisten, die Grenze ist ja fließend, sind sicherlich politischer als die Schriftsteller, die, wie ich gerade gesagt habe, fast unpolitisch scheinen. Ich hoffe, dass sich noch eine Art Erweckung begibt, und zwar eine ganz nüchterne, sachliche. Aber bei den Journalisten ist es so, dass deren Kompliziertheit des Berufs mehr und mehr in einem Gemenge stattfindet, das ständig die Behauptung der Freiheit vor sich her trägt, aber gleichzeitig ökonomische Zwänge in einem Maß für eine jede Profession errichtet, die auch die inhaltliche Freiheit beschränkt.

Das heißt: Nehmen wir einen großen Apparat, einen Rundfunksender, er muss nicht einmal kommerziell sein. Nehmen wir einen riesigen Buch- und Multimediakonzern. Sie treten von vorn herein in einen Marktorganismus ein, in dem es ganz bestimmte Tabus gibt. Zum Beispiel ist dort ein Satz wie "Unsere Wirtschaft produziert planmäßig, durch systematische Entlassungen, indem sie dadurch ihre Gewinne erhöht, Arbeitslose, die die Politik gar nicht abschaffen kann." Wirtschaft schafft Probleme, die sie der Politik vorwirft. Die Politik wird angegriffen für etwas, wo die Verursacher aber bei den Banken und beim Globalismus, also bei der sogenannten Globalisierung zu suchen sind.

Das heißt: Wir haben das, was Carl Amery in "Global Exit" den totalen Markt, nennt. Alle intellektuellen Berufe sind bestechlich durch Erfolg. Jeder möchte auch mal auffallen, möchte vorankommen. Sie kennen die Limits der Talkshows. Eine bestimmte Art von Offenheit ist der sichere Garant dafür, dass Sie nie wieder eingeladen werden. Deswegen sind eigentlich die Nicht-Eingeladenen die interessanteren. Aber das Publikum ist nicht bereit, das zu begreifen, weil es ein ganzes System der Prominenz gibt.

Um es noch einmal ernster zu sagen: Seit es nur noch eine gebietende Weltmacht gibt, die den gegenwärtigen Globus etwa so beherrscht wie vor 2000 Jahren Rom das Mittelmeer, seitdem es keine Alternative auch nur in der Idee gibt, die realisierbar erscheint, dienert auch der größte Teil des Journalismus vor dem Götzen Markt.

 Was würden Sie angehenden Journalisten und Schriftstellern mit auf den Weg geben?

Zivilcourage ist die wichtigste Voraussetzung, und sie bewährt sich nur klein und genau am einzelnen Punkt. Resignation ist nicht erlaubt. Ich habe eine kleine, primitiv klingende Hilfsrechnung, die ich auf Ihre Frage gern weiter gebe. Wenn ich den Kopf hängen ließ, habe ich mir oft gesagt, mache es wie ein Mathematiker: Minus mal Minus ist plus. Dann habe ich mir gesagt, die Verneinung des Negativen ist der Anfang von etwas Positivem. Wer politisch handeln will, als schreibender Bürger der Republik, muss sich immer sagen, Resignation ist nicht erlaubt. Dafür ist unser Leben in diesem ökonomischen und ökologischen Verbund zu lebensgefährlich.

Nachtrag
Dieter Lattmann: Jedes Leben besteht aus drei Biographien
 Ich schulde Ihnen noch eine Antwort auf den Teil der Frage "Wie politisch sehen Sie die jungen Schriftstellerinnen und Autoren?" Da denke ich im Vergleich zu früheren Generationsschüben an die Gruppe 47 oder die Literatur der Arbeitswelt. Es gab ja immer zyklische Prozesse, wo das politische Engagement durchbrach, ganz stark gefördert ab 1968 durch die Außerparlamentarische Opposition. Im Vergleich dazu kommen mir die heutigen jungen Autorinnen und Autoren erstaunlich und in gewisser Weise auch beschämend unpolitisch vor. Ich kann es überhaupt nicht verstehen. Jedes Leben besteht doch mindestens aus drei Biographien:

Einmal aus der ganz subjektiven, wo man sich verwirklichen will, einmal dem Beruf, wo man an ganz bestimmte Bedingungen eines Marktes eingebunden ist, selbst wenn der Markt die Kunst ist, und drittens, das politische Leben, in dem man meist gelebt wird, wenn man sich nicht wehrt. Deshalb ist mir absolut unbegreiflich, dass man sich über diesen Teil der eigenen Biographie nicht sorgt, sich nicht darum kümmert, sich nicht engagiert.

Das scheint mir daran zu liegen, dass im Augenblick die Kritiker, die Verleger und die Autoren, ich glaube nicht bei den Lesern - ich glaube, die schreiben zum Teil an einem Teil der Leser vorbei - dass die Berufswortemacher extrem individualistisch sind und dass Kritik und Verlag so tun, als gäbe es nur noch Leser, die einzig an den Katastrophen des Individuums interessiert sind, aber nicht mehr an den Katastrophen der Gesellschaft. Dies halte ich für eine literarische Schwäche, auch für eine kosmopolitische Schwäche und ich glaube, dass die deutsche Literatur, wenn auch auf hohem handwerklichen Level, so provinziell ist, liegt eben auch daran, dass sie des Politischen im Augenblick unfähig scheint. Der volle homo sapiens, der wissende Mensch, braucht die Politik. Ohne Politik ist er partiell infantil.

In den angelsächsischen Ländern oder auch in Frankreich ist die politische Tradition ja viel mehr verwurzelt. Bei uns war ich zu meiner Zeit der einzige Schriftsteller im Bundestag, acht Jahre lang und ziemlich verloren. Wenn Herbert Wehner überhaupt nicht zuhören wollte, was ich sagte, dann rief er manchmal grimmig in die Fraktion hinein "der Dichter!" und dann grölte die ganze Fraktion.

Jedes politische Engagement von Schriftstellern erfordert das, was ich - ich wiederhole den Ausdruck bewusst - eine soziale Geduld nenne, das heißt eine Leidenschaft für die Schwächeren.